WALDphilosophie


Einem Impuls aus dem Wald folgend entfalten sich manchmal größere Zusammenhänge. Hier findet ihr den Versuch, sie teilbar in Worte zu fassen. Es kann auf vielfältige Weise lohnend sein, ihnen nachzugehen. Neugierig?

Wald  oder Garten?

Freiheit oder Einschränkung?

Friede oder Krieg?


Der Wald bietet Freiraum, der uns im heutigen „normalen“ Leben so oft fehlt. Meist fühlen wir uns im Alltag verschiedensten Ansprüchen ausgeliefert. Es gibt gesellschaftliche Ansprüche wie etwa die Teilnahme am sozialen Leben oder Familienmodelle, moralische Ansprüche wie etwa ein nachhaltiges Leben zu führen. Wir haben Ansprüche an unsere Karriere – nach oben kommen, immer mehr Geld verdienen. Nicht zu vergessen die Ansprüche an unsere Schönheit und Gesundheit. Die meisten Menschen können dem nicht konstant entsprechen, verfallen in Krisen, Burnout, … Der Wald kann uns in der Bewältigung einer solchen Krise viele Dienste erweisen. Abgesehen von der physisch, wissenschaftlich auch immer mehr erforschten Wirkungsweise wie der Steigerung der Abwehrzellen, der Erhöhung des Herzschutzhormons DHEA und der Aktivierung des Vagusnerves, möchte ich heute über seine freiheits- und friedenstiftende Wirkung schreiben.

 

Durch seinen eigenen Frieden bei aller Wildnis ist uns der Wald Vorbild. Verbinden wir uns mit ihm, verbinden wir uns mit unserer eigenen Natur, unserer inneren Vielfalt, unserer eigenen Wildnis. Sie schenkt uns Freude, Gelassenheit und macht uns kreativ. In der Verbindung mit dem Wald freuen wir uns über die verschiedenen Pflanzen und Tiere, wir nehmen das Wachsen genauso an, wie das Vergehen. Ist es ein naturbelassener Wald, würden wir auch niemals auf die Idee kommen, Fehler zu finden. Wir würden höchstens staunen über die vielen verschiedenen Wege, und Lösungsmöglichkeiten der Pflanzen und Tiere,  über ihr Zusammenspiel und das des Lichtes, der Formen und der Düfte. Ganz im Gegensatz zum Garten. Dort können wir uns auch mit der Natur verbinden, aber im Garten geht es vorwiegend um Kontrolle, um Einschränkung, um einen Plan und ein Ziel, wie etwa die Ernte oder dass er bestimmten biologischen Standards oder einem Schönheitsideal entspricht. Den Garten sehe ich als Pendant zum normalen Leben, das einschränkt, beschneidet, fragwürdige Ziele verfolgt. Der Wald aber sagt uns: Es gibt so viel verschiedenartiges Leben und Lebensweisen, alle haben ihren Sinn, alle sind gleichwertig – die hundertjährige Tanne genauso wie das kleine Unkraut am Boden. Er führt uns dieses friedliche Zusammenleben so intensiv vor. Vom Wald wissen wir inzwischen, dass das gut so ist, und dass es alles braucht. Ja, die Tanne ist größer, aber sie ist deswegen nicht mächtiger oder wichtiger als alles andere Lebendige im Wald. Sie ist einfach nur groß. Das ist dieselbe Qualität wie Klein nur am anderen Ende der Skala. Alle Lebewesen aber bewegen sich auf derselben Skala. Wir entkommen ihr nicht, wir nehmen einfach unseren Platz darauf ein. Und nur wenn jeder seinen Platz gleichwertig bekommt, hält die Skala die Waage, kann das vielfältige Leben sich fortsetzen.  Das dürfen wir uns für unser Leben abschauen.


Habt ihr jemals einen Baum auf einen anderen schimpfen gehört? Schon, im Wald gibt es auch Kampf. Der ist für uns nicht gleich sichtbar, weil er so langsam vonstatten geht, weil er sich über Jahre erstreckt, aber es ist nicht ein prinzipielles Sich-über-andere-Stellen. Es geht um ein konsequentes Verfolgen des eigenen Lebensplans. Es geht um die eigene Entfaltung, die je nach Umgebung sich so oder so gestaltet. Aber es geht dabei auch sehr viel um Hingabe. Hingabe an die Bedingungen, die Lebensumstände und darum, darin zu wachsen. Es gibt so viele Eschen, aber keine ist wie die andere und keine hält der anderen vor, dass sie zu dünn, zu krumm, ganz falsch sei. Bei den Bäumen ist auch uns sofort klar, dass es sich um die Entfaltung innerhalb der eigenen Möglichkeiten geht. Und so würden auch wir niemals einem Baum sagen, du bist falsch so, wie du gerade bist. Das heißt, beim Wachstum geht es nicht prinzipiell darum, sich über andere zu ermächtigen, das eigene als generell Richtig über das Leben der anderen zu stellen und von anderen zu fordern, dass sie sich entsprechend eines Ideals entwickeln sollen, sondern es geht darum, den inneren Plan der Umgebung entsprechend zu leben. Würden wir das für unser Leben übernehmen, würden wir dann jemals uns über andere stellen? Würden wir jemals von einem anderen Menschen eine bestimmte Gestalt oder ein bestimmtes Verhalten oder gar eine bestimmte Gefühlslage abverlangen? 


In diesem Sosein kann uns der Wald auch beim Umgang mit der Coronakrise helfen. Jedes Lebewesen hat andere Strategien, um mit einer Krise umzugehen und es gibt nicht die eine Lösung für alle. Wir haben es verlernt, uns auf unsere eigenen Kräfte zu verlassen und unser eigenes Schicksal anzunehmen und wir gestehen es der anderen auch nicht mehr zu, ihren eigenen Weg zu gehen. Dabei wäre das ein so unglaublich friedvoller Weg. Er verhilft zu innerem Frieden, weil wir nicht gegen eine Stimme in uns ankämpfen müssen, und es wäre auch ein Weg zu äußerem Frieden, wenn wir der anderen ihren Weg lassen. Ja, wir werden es aushalten müssen, dass uns die Wege der anderen nicht immer gefallen. Aber wir müssen uns auch eingestehen, dass wir den großen ganzen Plan des Weltenganges nicht im Auge haben können. Niemand hat das und das wiederum bedeutet für mich, dass ich mich auch keinem anderen unterwerfen muss. Ich achte die Ideen der anderen, aber ich muss mich ihnen nicht unterwerfen, weil ich weiß, dass das auch nur ihr eigener Weg ist und nicht der für alle. Das macht uns eigenverantwortlich, eigenmächtig – ganz im Gegensatz zur Allmacht.